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Presseschau: Artikel aus der NZZ vom 7. Mai 2002

 

Eine Zeitung ist wie ein Öltanker ...

Oscar Fritschi - 30 Jahre beim «Zürcher Oberländer»

Als Nachfolger des 1852 gegründeten «Allmanns» und des späteren «Freisinnigen» kann der «Zürcher Oberländer» dieses Jahr sein 150-Jahr-Jubiläum feiern. Grund zum Feiern hat auch Chefredaktor und alt Nationalrat Oscar Fritschi, der aus dem ehemaligen Parteiblatt eine vielfältige Regionalzeitung gemacht hat.

 

Oscar Fritschi, 2001 war kein gutes Jahr für die Schweizer Zeitungen. Wie geht es dem «Zürcher Oberländer»?

Der Einbruch der Stellenanzeigen ist auch an uns nicht spurlos vorübergegangen. Im Gegensatz zu den nationalen Zeitungen, bei denen sich der Rückgang bereits im Frühjahr ankündigte, ist das Inseratevolumen beim «Zürcher Oberländer» aber erst im September zurückgegangen. Für 2001 können wir deshalb ein anständiges Resultat vorweisen. Zum Sparjahr wird 2002, für das wir aber immer noch schwarze Zahlen veranschlagen.

Im Gegensatz zu anderen Regionalzeitungen lässt der «Zürcher Oberländer» seine Inserate nicht von der marktbeherrschenden Publicitas akquirieren. Rechnet sich diese Unabhängigkeit?

Aus kommerziellen Überlegungen haben wir ein Pachtverhältnis mit der Publicitas vor ein paar Jahren aufgelöst. Heute bringt sie uns gegen Kommission den grösseren Teil der überregionalen Werbung. Allerdings ist intern immer wieder darüber diskutiert worden, was effizienter ist: den eigenen Verlag auf Akquisition auszubauen oder sich der Publicitas anzuschliessen.

Mit 45 000 Exemplaren in der Normalauflage ist der «Zürcher Oberländer» eine stattliche Regionalzeitung. Mit dem «Landboten» im Norden, der «Zürichsee-Zeitung» im Süden und dem Kanton St. Gallen im Osten bleibt aber nicht mehr viel Wachstumspotenzial.

Geographisch sind uns bereits durch den zürcherischen Namen gewisse Grenzen nach Osten gesetzt. Zudem sind der «Landbote» und die «Zürichsee-Zeitung» zwei starke Zeitungen, bei denen es sich nicht lohnt, wegen ein paar Abonnementen «unter dem Hag durch zu fressen». Unsere Wachstumsbestrebungen konzentrieren sich deshalb im Wesentlichen auf die unteren Bezirksteile von Pfäffikon und Uster - also auf den Westen. Allerdings werden wir in diesen Gebieten wegen ihrer Nähe zu Zürich nicht dieselbe Abdeckung erreichen wie im Stammgebiet.

Gemeinsam mit dem «Anzeiger von Uster» und der Bundeshausredaktion beschäftigt der «Zürcher Oberländer» knapp 40 Journalistinnen und Journalisten. Kann sich eine mittelgrosse Zeitung, die es in Zukunft wohl schwerer haben wird als die nationalen und die kleinen lokalen Titel, eine so grosse und teure Redaktion leisten?

Die Personalkosten sind in der Tat ein entscheidender Faktor. Mit Abbauproblemen mussten wir uns aber noch nie beschäftigen - allerdings werden wir auch kaum mehr gross ausbauen können. Von den Problemen mittelgrosser Zeitungen sind wir bisher zum Glück weitgehend verschont geblieben. Das Zürcher Oberland ist eine sehr eigenständige, stolze Region, die es «ihrer» Zeitung leichter macht, sich zu behaupten.

Der «Zürcher Oberländer» wird vom Zürcher Oberland getragen?

Ja, ich glaube, das darf man ruhig sagen.

Sowohl der «Landbote» als auch der «Zürcher Oberländer» halten an einem starken eigenen Mantelteil fest, während sich die anderen Zürcher Landzeitungen hauptsächlich auf das Lokale konzentrieren. Ist eine engere Zusammenarbeit in den überregionalen Ressorts kein Thema mehr?

Vor ein paar Jahren haben die Verleger der Zürcher Regionalzeitungen ernsthaft über einen gemeinsamen Mantelteil diskutiert. Allerdings sieht diese Idee auf dem Papier schöner aus als in der Praxis. Solange der «Zürcher Oberländer» für 68 Prozent seiner Abonnenten die Erstzeitung ist, wollen wir an unserem Vier-Bund-Auftritt mit eigenem Mantelteil festhalten. Da die Werbewirtschaft Erstzeitungen bevorzugt, sind wir überzeugt, dass sich das auch kommerziell lohnt.

Mit seinem breit gestreuten Aktionariat von knapp 700 Aktionären, die sich über «eine liberale Gesinnung auszuweisen haben», ist der «Zürcher Oberländer» einerseits eine sehr unabhängige Zeitung, anderseits sichert diese Konstellation dem Chefredaktor eine starke Stellung. Mit anderen Worten: Sie sind nicht nur Chefredaktor, sondern de facto auch Verleger.

Verleger des «Zürcher Oberländers» ist der Verwaltungsrat. Allerdings sind bei uns im Gegensatz zu den meisten Zeitungen die Spitzen des Verlags und der Redaktion gleichgestellt. Gemeinsam mit dem Verlagsdirektor amte ich auch als Leiter des Gesamtunternehmens. Dass ein breites Aktionariat den operationell Verantwortlichen einer Zeitung mehr Freiheiten gewährt als ein Familienunternehmen, lässt sich aber nicht bestreiten.

Sie sind 1972 im Alter von 33 Jahren Chefredaktor des «Zürcher Oberländers» geworden. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie nach 30 Jahren immer noch bei derselben Zeitung arbeiten?

Sagen wir es so: Mir war klar, dass ich dem Journalismus auch in 30 Jahren noch die Treue halten wollte. Ausserdem habe ich es stets geschätzt, dass mir die Zeitung die Ausübung eines politischen Mandates gestattet hat.

Unter Ihrer Leitung hat sich der «Zürcher Oberländer» stark verändert. Bis 1972 erschien die Zeitung im Bezirk Hinwil, dann erfolgte die Übernahme des «Tagblattes des Bezirks Pfäffikon», und 1996 stiess der «Zürcher Oberländer» auch in den Bezirk Uster vor, wo er nach dem gescheiterten «Regionalzeitungs»-Engagement der Tamedia den «Anzeiger von Uster» übernahm. Welche Pläne haben Sie mit den beiden Zeitungen?

Eine Zeitung muss immer wieder reformiert werden. Neben der ständigen Arbeit an der Qualität planen wir auch eine Anpassung des Layouts sowie einen Ausbau der unpolitischen Bereiche. In Zukunft sollen vermehrt Themen wie Lifestyle, Gesellschaft, Wellness und Gesundheit behandelt werden.

Eine Zusammenlegung der beiden Zeitungen ist kein Thema?

Es wäre gelogen zu behaupten, diese Möglichkeit sei nie diskutiert worden. Allerdings scheint es irgendwo im Aatal einen virtuellen Graben zu geben: Jedenfalls legt man in Uster grossen Wert auf Eigenständigkeit. Vielleicht kommt man in ein paar Jahren, wenn sich die Zusammenarbeit eingespielt hat, auf einen Zusammenschluss zurück. Ein Verzicht auf zwei Split-Ausgaben wäre natürlich kostengünstiger.

In zwei Jahren erreichen Sie das Pensionsalter und treten als Chefredaktor zurück. Wurde bereits ein «Kronprinz» bestimmt?

Die Geschäftsleitung hat vorerst dem Verwaltungsratspräsidenten beantragt, zwei Mitglieder des redaktionellen Kaders in einen Managementkurs zu schicken.

Namen wollen Sie keine nennen?

Lieber nicht. Aber wir werden auf jeden Fall eine interne Lösung anstreben.

Die beiden älteren Mitglieder der fünfköpfigen Chefredaktion, Adalbert Hofmann und René Bondt, sind beinahe gleich alt wie Sie und werden wohl gleichzeitig mit Ihnen zurücktreten. Erwartet den «Zürcher Oberländer» ein Kurswechsel?

Sehen Sie, eine Zeitung ist wie ein Öltanker. Kurskorrekturen wirken sich nur sehr langsam aus. Mit dem anstehenden Generationenwechsel wird es aber sicher auch zu Änderungen kommen - und das ist gut so.

Interview: Christina Neuhaus